Wie es dazu kam und was daraus wurde

Als der BDKJ-Paderborn 1998 zum ersten Mal die 72-Stunden-Aktion durchführte, war dieses ein Riesenerfolg. 190 Gruppen aus den verschiedenen Mitgliedsverbän-den – darunter 52 Stämme der DPSG -, 6.000 Personen und 210 Projekte und Aktionen konnten gezählt werden. Wahrlich eine beeindruckende Statistik. Doch erfunden hatte der BDKJ diese Aktion nicht. Bereits drei Jahre zuvor, 1995, führte die Katholische Landjugendbewegung (KLJB) der Diözese Münster flächendeckend eine 72-Stunden-Aktion durch. 5.000 Jugendliche in 105 Orten waren daran beteiligt und die Aktion sorgte für ein gewaltiges Medieninteresse. Doch auch die KLJB kann nicht für sich in Anspruch nehmen, diese Aktion erfunden zu haben. „Alles begann 1993 bei der Katholischen Landjugendbewegung (KLJB) Oldenburg Vechta.“ So steht es vielfach geschrieben, doch, so schade das auch für die Chronisten der Jugendarbeit ist, richtig ist es nur zum Teil. Denn in Oldenburg/Vechta wurde die Idee zwar erstmals für die Jugendarbeit genutzt, erfunden wurde sie aber auch hier nicht. In Deutschland begann alles mit der Benefiz-Spielshow „Jetzt oder Nie“ die zunächst im Vorabendprogramm, dann im Ersten lief. Diese Show, bei der es darum ging, dass ein bis dahin unbekannter Moderator mit Namen Ingo Dubinski am Anfang einer jeden Sendung eine mehr oder weniger soziale, in jedem Fall aber medientaugliche Aufgabe gestellt bekam und diese innerhalb weniger Tage lösen musste, brachte es immerhin auf 17 Folgen. Dann wurden gegen den Moderator Stasi-Vorwürfe erhoben und die ARD stellte die Reihe ein. Soziales Engagement hin oder her, Vergangenheitsbewältigung wog schwerer in diesen Zeiten. Doch auch die ARD kann sich nicht als Erfinder feiern lassen, denn am Ende haben sie nur ein Format eingekauft, welches in Großbritannien „Challenge Anneka“ hieß. Ob die Briten ihrerseits irgendwo „geklaut“ haben, weiß zwar niemand so recht, doch im Mutterland der Pfadfinderbewegung liegt doch der Schluss nah, dass der Leiter einer kleinen, namentlich nicht mehr zu ermittelnden Pfadfindergruppe aus dem mittleren Westen der Insel bei einem abendlichen Pub-Besuch ein oder zwei Gläser zu viel getrunken hatte und sich in die üblichen Diskussionen über die sozialen Ungerechtigkeiten im Allgemeinen und die fehlenden Angebote vor Ort im Besonderen einmischte. Es ist möglich, dass es kam, wie es kommen musste: Kurz bevor der Wirt, ein gestandenen Engländer großer Statur und rötlicher Gesichtsfarbe, die Glocke über dem Tresen läutete um die damals noch geltende Sperrstunden anzukündigen und die Gäste zu ihrer letzten Bestellung zu nötigen, erreichte die Woge der Empörung bei allen Beteiligten den Höhepunkt. Der Pfadfinderleiter, als solcher gut bekannt, da es sich um eine Vorortkneipe handelte, wo jeder alles über jeden weiß, prahlte mit dem, was er und seine Kids schon alles getan haben für den sozialen Frieden in dem Viertel und weil er, wie viele andere auch, dem Ale mehr als genug zugesprochen hatte, verstieg er sich zu einer Wette, dass er innerhalb von nur einer Woche ein soziales Projekt, welches die Tresenmannschaft sich ausdenken könne, in die Realität umsetzen würde. Genügend Sponsoren aufzutreiben und seine Pfadfinder und Pfadfinderinnen dermaßen zu motivieren, das sie die nötige Arbeit leisten würden, wäre doch ein Klacks für ihn. Gesagt getan, man schlug ein, weil dieser Brauch auch im Inselreich sehr verbreitet ist, und so wurde die Idee der 72-Stunden-Aktion geboren. Aber das sind nur Spekulationen, Fakt ist, dass „Jetzt oder Nie“ in Deutschland so beliebt war, dass es Nachahmer gab, erst in Oldenburg/Vechta, dann in Münster, in Paderborn und so weiter. 2009 werden nun 14 Bistümer zur gleichen Zeit diese Wahnsinnsidee weiter tragen und innerhalb von 72 Stunden viele Projekte durchführen.

Und mal abgesehen von dem Spaß, den die Gruppen während des eigentlichen Pro-jektes haben können. Der Erfolg der Aktion kann weit über die eigentliche Arbeit hinausgehen, wie die nachfolgenden Beispiele zeigen:

Der Stamm St. Lambertus, Castrop, kann noch heute auf ein erfolgreiches Projekt zurückblicken:
„Wir hatten damals die Aufgabe in einem alten Freibad in Castrop-Rauxel, das erst zwei Jahre vorher einem neu gegründeten Verein zur Restaurierung und Nutzung zugesprochen worden war, ein “ Büdchen“ zu restaurieren.
Es galt die uralten Farbschichten abzulösen, zu schleifen und neu zu streichen. Das war ein Knochenjob – hat aber allen richtige Erfolgserlebnisse gebracht!
In den folgenden Jahren veranstaltete der Verein zur Finanzierung des weiteren Ausbaus das so genannte „Stadtgarten-Sommerfest“. Hier waren wir von unserem Stamm lange Jahre aktiv wenn es galt am Lagerfeuer Stockbrot zu backen, Kinderspielen anzubieten oder wenn es um sonstige Mithilfe ging.

´Unser´ Büdchen haben wir dann mit Süßigkeiten bestückt, die an die Kinder und Erwachsenen verkauft wurden.
Inzwischen wird das Büdchen kommerziell zum Imbiss-Verkauf genutzt aber wir sind oft Gäste im Bistro, sitzen gerne auf dem großen Außengelände oder nehmen an den vielfältigen kulturellen Veranstaltungen des Vereins teil.
Ein Besuch kann jedem nur empfohlen werden!“
Ursula Kopshoff
Vorsitzende Stamm St. Lambertus, Castrop

Die DPSG Sankt Marien aus Dortmund-Obereving kann sich ebenfalls noch an den Früchten ihrer Arbeit erfreuen:

Ziemlich spontan haben wir, eine Gruppe von Pfadis und Rovern, die jedoch gemeinsame Gruppenstunden hatte, uns vor fast 10 Jahren dazu entschieden an der Aktion „72 Stunden ohne Kompromiss“ teilzunehmen.

Es war die erste größere Aktion, bei der wir Rover, zu dem Zeitpunkt wohl genau vier aus der ca. 12-köpfigen Gruppe, uns so richtig verantwortlich für das fühlten, was unbekannterweise vor uns lag.

Mit viel Glück konnten wir schon im Vorfeld bei Firmen, Parteien etc. in Dortmund eine deutliche Summe an Spenden eintreiben, denn die Idee sich einer „unbekannten aber sozial-sinnvollen“ Herausforderung zu stellen war anscheinend nicht nur uns sofort sympathisch.

Voller Vorfreude haben wir am Katholischen Centrum in Dortmund unsere Aufgabe erhalten, bei der die Errichtung einer Holzhütte auf einem Abenteuerspielplatz in Dortmund-Scharnhorst unsere Aufgabe darstellte. Die erste Nacht verbrachten wir, nach langen Planungen und Diskussionen über Bauweise und Materialien in unseren eigenen Betten. Von Freitag bis Sonntag quartierten wir uns gleich auf dem Spielplatz ein, einerseits weil’s nett war, aber auch um der „Dorfjugend“ die angekündigte sofortige Zerstörung unseres Bauwerks deutlich zu erschweren. An dieser Stelle sei den damaligen Akteuren gedankt, denn auf sehr viel Beton, einen sehr dicken Mittelpfosten und einen feuerabweisenden Anstrich wären wir sonst nicht allein gekommen! So verbrachten wir, zwar in telefonischem Kontakt zu Leitern, Eltern etc. aber doch sehr selbst bestimmt den Freitag, Samstag und Sonntag damit unser Werk zu errichten, was natürlich auch vorzüglich geklappt hat.

Aus meiner heutigen Sicht kann ich der 72h-Aktion nach wie vor viele positive Aspekte abgewinnen:

  1. Die Gruppendynamik
    Mit einer Gruppe ein solches Projekt gestalten zu können, in der vielfältigste Aufgaben gesehen, verteilt, angenommen und erledigt werden müssen, hat uns als Gruppe nicht nur mit erweiterten Fähigkeiten, sondern auch mit Stolz aus diesem Wochenende gehen lassen.
  2. Die soziale Komponente
    Obwohl niemand von uns Besucher dieses Abenteuerspielplatzes ist oder war, wollten wir unsere Kraft, das gesammelte Geld und unsere Ideen jemand zu gute kommen lassen, der dies auch zu schätzen weiß und (durch die Organisatoren) „geprüft“ war.
  3. Die Einbettung in die gesamte Aktion
    Die Arbeitshilfen, die Koordination der Öffentlichkeitsarbeit und die Idee des Projektes waren sicherlich materielle Dinge, die uns sehr unterstützt haben, doch auch der Gedanke, dass sooo viele Personen zur gleichen Zeit genau so gespannt, aufgeregt, durstig, erschöpft und begeistert sind, war ein Gefühl, das unserer Motivation noch einen richtigen Schub gegeben hat.
  4. Kontakte innerhalb und außerhalb des Verbandes
    Sicherlich gab es im Vorfeld der Aktion schon Kontakte zu anderen DPSG – Stämmen und die Frage, wer sich beteiligt, wurde auch oft gestellt. Doch besonders nach der Aktion waren die „Wie war’s bei euch…“ – Fragen die Eröffnung zu tollen Gesprächen. Auch Gruppen aus dem eigenen Ort, deren Existenz nicht bekannt war, oder mit denen man ein-fach nichts zu tun gehabt hatte, wurden so zu gefragten Gesprächspartnern, denn es gab ja das Thema „72 Stunden – Aktion“

So bleibt am Ende nur festzustellen, dass ich persönlich die damalige Aktion in bester Erinnerung behalten habe und das trotz, oder vielleicht gerade wegen, der gesunden Naivität mit der wir damals zu Werke gingen.

Ich wünsche jeder Gruppe, dass sie ein Projekt findet oder erhält, dass ihren Wünschen nahe kommt, sie als Gruppe fordert und nachhaltig Spuren hinterlässt sowohl in unserer Gesellschaft, in unserem Verband, aber auch in unseren eigenen Gruppen.

Tobi Falke

Diözesanreferent Wölflingsstufe

Auch im Stamm Amelungen war die 72-Stunden-Aktion 1998 ein Thema, an das man sich noch heute erinnert:

Es war einmal… im Jahr 1998, da stürzte sich eine kleine, mutige Truppe Rover ins unbekannte Abenteuer der 72-Stunden-Aktion! Ohne genauen Plan, was es genau sein sollte, bestürmten wie Familie, Freunde, diverseste Super- und Baumärkte sowie sämtliche auf dem Weg liegenden Bäcker, Metzger und Restaurants. Soviel war klar, Hunger würden wir auf jeden Fall haben! Unsere Spruch jedes Mal: „Wir haben da so eine große soziale Aktion vor, was genau wissen wir nicht, aber es könnte sein, dass wir Sie/ Euch brauchen! Dürfen wir uns dann nochmal kurzfristig melden?“ *Bitteeeeeeeeeeeee*, *Augen klimpern*. Das Ergebnis war beeindruckend: trotz fragender Gesichter, die (vorläufig) zurückblieben, bekamen wir keine Absagen, die Sache klang einfach zu spannend und ein bisschen verrückt!
Dann kam der Tag X: Spannung wie an Weihnachten. Tataaaaaaa, und unsere Aufgabe war: Renovierung und Gestaltung der Außenanlage eines Obdachlosenheims incl. Streichen des Aufenthaltsraumes. Klingt nach mal eben ein paar Blumen pflanzen und ein bisschen Farbe an die Wand. Pustekuchen: es war viel, viel mehr. „Mal eben“ einen Minibagger organisiert, und die ganze Wüste umgegraben. Wahnsinn, was man da finden konnte (u.a. eine Flasche DAB irgendwas, welche der Gastronomiesohn fachkundig als „Hey, das wird schon seit Jahren nicht mehr produziert“ diagnostizierte, während ein Bewohner sich die Rarität direkt schmecken lies…)
Fazit: eine unvergleichliche Aktion, viel Arbeit, Spiel (Karussell fahren in der Baggerschaufel), Spaß (verdammt viel davon) und Schokolade (Dank der vielen tollen und hilfsbereiten Leute um uns herum). Noch heute kommt immer wieder die Sprache auf UNSER Projekt, welches wir noch mit einem „Gartenhaus“ später nachbetreut haben.
Was zurück bleibt? Ein super gutes Gefühl, ein bleibender Eindruck und die Lust auf mehr. Zur Nachahmung dringend empfohlen!!

Rike Schomäker (Stamm Amelungen, Herne/ WÖ-DAK)

Das sind nur drei Beispiele für den besonderen Charakter der 72-Stunden-Aktion. Und auch wenn es nicht in jedem Stamm so optimal gelaufen ist, eines sollte sich jeder Stamm überlegen: Das Medieninteresse an dieser Aktion wird enorm sein, auch Gruppen, die ansonsten nur selten die Gelegenheit bekommen, sich in der lokalen Presse zu präsentieren, können sich mit diesem Projekt der Aufmerksamkeit der örtlichen und überörtlichen Zeitungen sicher sein und „Tue Gutes und rede drüber“ ist nie verkehrt.

Andreas Wanzke
Tambuli Redaktion