Vom Ich ins Wir – Pfadfinden nach (und mit!) Corona

veröffentlicht am 28. Januar 2022

Ein Samstag im Januar, alles ist grau, farblos, trübe. Ein Tag, an dem man sich am liebsten die Decke wieder über den Kopf ziehen würde. Noch nicht so richtig im neuen Jahr angekommen, noch immer geschafft vom alten Jahr… das Wetter, der Jahresbeginn, zwei Pandemiejahre in den Knochen machen müde. Ein bisschen sieht man es der Gruppe junger Menschen an, die sich an diesem Morgen in einem Gemeindesaal, irgendwo in unserer Diözese, versammelt haben. Alle sitzen auf Abstand. An der Wand kleben vorbereitete Flipcharts, die Stimmung ist abwartend, gedämpft beinahe.

Mittendrin eine junge Frau in leuchtendem Orange. Esther Hagen begrüßt die knapp zwanzig Pfadfinder*innen mit einem herzlichen Lächeln an diesem Samstag zur Leitungsrunde ihres Stammes. Esther ist Bildungsreferentin im Diözesanbüro und seit Oktober 2021 begleitet sie Stämme beim Weg zu einem neuen, positiven Umgang mit den Herausforderungen durch Corona. Zwei Jahre lang wird sie zwischen Ruhrgebiet und Sauerland, zwischen Ostwestfalen und Siegerland „Stämme stärken“ – so heißt ihre Projektstelle. Begleitung von Stämmen, beratende Hilfe für Leitungsrunden, enge Abstimmung mit der AG Ausbildung ist ihr Aufgabenfeld. „Ich bin heute hier, weil die Leitungsrunde mich gebeten hat, einen Klausurtag zu gestalten, an dem wir Zusammenhalt und Motivation der Gruppe thematisieren. Solche Themen bearbeiten sich mit Hilfe von außen viel leichter“, erklärt Esther. Eine Leiterin beschreibt den Grund, Esther einzuladen, sehr klar. „Corona hat ziemliche Unruhe in unsere Leitungsrunde gebracht. Wir wollten gemeinsam auf unsere Motivation schauen, neue Ideen entwickeln. Dazu ist es natürlich wichtig, dass alle mitarbeiten können und niemand in der Doppelfunktion aus moderierender und teilnehmender Person steckt.“

Mittlerweile ist die Gruppe mit der Vorstellungsrunde fertig. Die Menschen hier kennen sich gut, das wird schnell klar. Der ein oder andere Satz wird mit Gelächter quittiert, die Stimmung wird gelöster. Esther macht mit, stellt sich und ihre Arbeit vor, erzählt, dass sie gerne wandert und die Farbe Petrol mag. Sie ist jetzt mittendrin, scheint es. „Voll konzentriert, ein bisschen wie im Tunnel“, nennt sie das später. Sie sammelt in der Erwartungsklärung die Wünsche, Hoffnungen, aber auch Befürchtungen der Teilnehmenden, nimmt Körpersprache wahr, versucht Gesprächsentwicklungen vorher zu spüren. Ganz bei der Gruppe sein, empathisch, gleichzeitig genau hinschauen und die Gesprächsfäden zusammen halten. „Ich frage an den wichtigen Stellen nach, damit die Gruppe ihre Lösungen selbst erarbeiten kann. Ich biete eine Hilfestellung, die eigentliche Arbeit leisten die Teilnehmenden“, beschreibt sie ihre Herangehensweise. Die Kartensammlung an der Wand wächst. Es wird allen klar – wir wollen das Gleiche. Die Unzufriedenheit über Motivationsmangel und fehlende Leichtigkeit, und der Wunsch, die offenbar brüchig gewordene Verbindung innerhalb der Leitungsrunde zu stärken, eint sie. 

Und nicht nur dabei herrscht Einigkeit. Ein erstes Kooperationsspiel aus dem großen Methodenkoffer der Pädagogik zeigt deutlich, wie sehr die Leitungsrunde trotz aller Widrigkeiten als Team funktioniert. Die ersten Versuche, unterschiedlich schwere Bausteine auf einer wackeligen Scheibe zu platzieren, werden von Gelächter begleitet, doch sehr schnell ändert sich die Atmosphäre. Konzentration ist förmlich mit Händen zu greifen, die Gruppe organisiert sich, bindet alle ein, es gibt keine Alleingänge. Esther lässt das Spiel laufen, greift nicht ein. „Ganz bewusst“, denn schließlich erfährt die Gruppe hier, dass die grundlegende Teamarbeit noch funktioniert. Die ersten Beobachtungen landen im Themenspeicher und werden für die weitere Arbeit festgehalten. Eine Leiterin erklärt, „Wir haben den Termin extra so gelegt, dass wir in ein paar Wochen in der Leitungsklausur ein ganzes Wochenende haben, um an diesen Themen weiter arbeiten zu können.“ Einiges kommt im Laufe des Tages zusammen, vermeintliche Kleinigkeiten, aber auch größere Punkte mit Konfliktpotential. Esther lässt der Gruppe immer wieder die Wahl, wie weitergearbeitet werden soll. Die externe Hilfe, das ist allen klar, gibt dabei Raum und Struktur für Ungeplantes. Der Austausch wird intensiver, die Teilnehmenden öffnen sich. Mal stehen alle eng zusammen, fühlen sehr ähnlich. Mal stehen wenige Personen außen vor, mal einzelne am Rand. Immer wieder spitzt Esther mit gezielten Fragen das Gespräch zu, übersetzt ihre Beobachtungen für die Gruppe in Gedankenanstöße. Und sie nimmt die Leitungsrunde mit, „vom ich ins wir“. „An dem Punkt, als die Leitenden ihr persönliches Warum wieder aussprechen konnten, wurde die Motivation der einzelnen von allen wahrgenommen. Wir hatten den Wow-Moment, an dem allen wieder bewusst war, weshalb sie eigentlich hier sind!“ 

18 Uhr, der Tag geht zu Ende. Längst ist es draußen nicht mehr grau, sondern dunkel geworden. Die Leitungsrunde beschließt den Tag mit einem gemeinsamen Essen und dem Gefühl, eine stabile Basis gelegt zu haben, auf der weiter gearbeitet werden kann. Freude, Leichtigkeit, Wertschätzung der anderen in der Gruppe sollte der Tag bringen. Das ist gelungen. „Wir hätten das nie alleine so erarbeitet. Ohne Esther wäre der Tag nicht so rund gewesen.“ schreibt die Organisatorin des Tages später. „Die Chance, jemanden von außen dazu zu holen, sollte man nutzen.“ 

Für Esther geht es nach einem langen Tag zurück nach Paderborn. Geschafft, aber zufrieden. Die Verantwortung, die sie im Umgang mit ehrenamtlichen Jugendleiter*innen trägt, ist ihr immer bewusst. Genauso wie das Ziel ihrer Arbeit. „Die ehrenamtliche Kinder- und Jugendarbeit wird getragen von Menschen wie den Teilnehmenden heute. Die Schaffung meiner Projektstelle ist eine große Wertschätzung gegenüber dieser ehrenamtlichen Arbeit. Stämme bei der Bewältigung der Pandemiefolgen zu unterstützen, ist eine große Aufgabe, die ich sehr gerne annehme, immer wieder und bei jedem Stamm aufs Neue!“

Esther ist Ansprechperson für alle Stämme der Diözese. Ihr könnt einen Blick von außen auf eure Arbeit während der Pandemie gebrauchen? Ihr benötigt einen Motivationsschub in der Leitungsrunde? Externe Moderation ist genau das, was euch für die Erarbeitung bestimmter Themen fehlt? Dann meldet euch bei Esther im Diözesanbüro unter 05251 20 65 -238 oder per Mail an esther.hagen@dpsg-paderborn.de 


  1. Kommentar von Defibri… was?! Defibrillations-Aktion – Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg – Diözesanverband Paderborn (29. April 2022, 12:16 Uhr )

    […] ein ähnliches Angebot für Leitungsrunden bereits wahrgenommen und einen „Neustart“ (Link zu: https://www.dpsg-paderborn.de/2022/01/vom-ich-ins-wir-pfadfinden-nach-und-mit-corona/) […]