Kampf gegen Jugendarmut

veröffentlicht am 19. März 2010

PADERBORN „Was kostet die Zukunft?“ Eine Frage, auf die Andre Heiden eine Antwort hat: „Viel.“ Als Beispiel nennt er die erste eigene Wohnung. „Eine Wohnung einzurichten, das schafft man meistens gar nicht.“ Aber der Jugendliche weiß, wie es gehen kann, vor allem ohne Schulden zu machen. „Den Spiegel kann man sich von der Oma leihen und den Fernseher im Internet ersteigern – es geht eben nicht alles auf einmal“, meint Andre. Zusammen mit seinen Schulkameraden hat er eine Wohnung aufgezeichnet und überlegt, „was der Spaß kostet.“ Ein Thema, worüber er vorher so noch nicht nachgedacht hat.
Wie seine Zukunft aussehen könnte, das plante der Schüler der Albert-Schweitzer-Förderschule in der letzten Woche im Diözesanzentrum der Pfadfinder in Rüthen. Mit seinen Altersgenossen aus Bergkamen nahm Andre Heiden an einem Berufsorientierungscamp der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) teil. Die Frage „Was kostet die Zukunft“ stand dabei mit im Mittelpunkt. Die Schüler sollten unter anderem lernen, nicht in die Schuldenfalle abzurutschen.Maßnahmen wie Berufsorientierungscamps der Pfadfinder gibt es überall in Deutschland. Aber die Maßnahmen kosten Geld, und gerade dieses sei an Förderschulen knapp, weiß Lehrer Matthias Heuwinkel. „Wir Förderschulen brauchen eine starke Lobby“, so Heuwinkel.Um für Unterstützung aus Politik und Kirche zu werben, stellten die Träger der katholischen Jugendberufshilfe ihre Arbeit anlässlich des Josefstages gemeinsam im Berufsförderzentrum IN VIA St. Lioba in Paderborn vor. Der bundesweite Aktionstag der katholischen Jugendberufshilfe stand unter dem Thema „Jugendarmut“. Koordiniert wurden die Veranstaltungen im Erzbistum von der Diözesan-Arbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit. Monsignore Andreas Kurte, Leiter der Abteilung Pastorales Personal im Generalvikariat, sowie die Paderborner Politiker Daniel Sieveke (CDU) und Petra Tebbe (Die Grünen) erfuhren, wie schwer es Jugendliche haben, die Zukunft nach ihren Vorstellungen zu gestalteten.
„Es wird nur sehr wenig über Jugendarmut gesprochen“, betonte DPSG-Geschäftsführer Ulrich Weber. Aber die „Schuldenfalle“ für junge Erwachsene sei allgegenwärtig. Davon berichteten Ali Mussa und André Neumann. Ihre Erfahrungen auf dem Weg zur Jugendarmut hatten sie mit Handyverträgen gemacht. „Die Reue kommt zu Schluss, die Rechnung auch“. Nach den bitteren Erfahrungen sind sie jetzt froh, einen Ausbildungsplatz beim Kolpingbildungszentrum Ostwestfalen zu haben. Sie wissen, dass der Druck der Konsumgesellschaft sowie Neid, Gier und Sucht in die Schuldenfalle treiben. Ihren Altersgenossen riefen sie zu: „Bitte, macht den Fehler nicht.“
Jugendarmut sei weit verbreitet und auch unter den Jugendlichen ist die Angst davor groß. Eine Projektgruppe von Jugendlichen aus dem Berufsförderzentrum St. Lioba machte diese Erfahrungen bei einer Befragung ihrer Altersgenossen. Viele Jugendliche würden die emotionale Armut fürchten, ausgegrenzt zu leben und ohne Freunde auszukommen. Mit einem selbst gedrehten Video, angelehnt an das Lied „Alles kann besser werden“ von Xavier Naidoo zeigten die Jugendlichen, wie man neuen Lebensmut gewinnen kann.
Wie viele Träume und Wünsche die jungen Menschen haben, zeigten die Teilnehmer des Projekts „Via Helene“ vom IN Via Bezirksverband Paderborn. Auf bunten Luftballons hatten sie zum Josefstag ihre Wünsche an die Politik formuliert: Ausbildungsplätze, Beratungsangebote, Jobs aber auch Jugendtreffs und Sportmöglichkeiten standen an erster Stelle. „Es ist toll, dass uns endlich mal jemand zuhört“, strahlte eine Teilnehmerin. „Via Helene“ richtet sich an Jugendliche ohne Ausbildungsplatz, die bis zur Vollendung ihres 18. Lebensjahres berufschulpflichtig sind und deshalb das Helene-Weber-Berufskolleg besuchen. Die Jugendlichen werden sozialpädagogisch betreut mit dem Ziel, sie zur aktiven Teilnahme am Berufsschulunterricht zu motivieren und mit ihnen einen erfolgreichen Übergang in Arbeit oder Ausbildung zu gestalten. „Wir hoffen, dass diese Träume nicht zerplatzen wie Luftballons“, betonte Leiterin Susanne Krüger.

Jugendarmut: Während die Gesellschaft Kinderarmut schon als Problem erkannt hat, wird Jugendarmut wenig thematisiert. Dabei sind 15- bis 24-Jährige mit einer Quote von knapp 25 Prozent die Altersgruppe mit dem höchsten Armutsrisiko. Die Finanzkrise erschwert ihre Integration in den Arbeitsmarkt. In ihren über 300 Einrichtungen der Jugendsozialarbeit ermöglicht die katholische Kirche jährlich rund 30 000 benachteiligten Jugendlichen einen Einstieg in Ausbildung oder Berufsleben und ebnet Wege zur Teilhabe an der Gesellschaft.

Josefstag: Der Heilige Josef ist Schutzpatron der Arbeiter und Jugendlichen. Seinen Gedenktag begeht die Kirche am 19. März. Der Josefstag findet zum vierten Mal statt und ist eine Aktion des „arbeit für alle“ e.V., einer Initiative des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz (afj) und der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS). Weitere Informationen gibt es unter www.josefstag.de.

Dirk Lankowski, Pressereferent des Diözesanverbandes

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