Geflüchtete in der Jugendverbandsarbeit

Handlungsleitfaden

Nicht nur die Jahresaktion „Gastfreundschaft für Menschen auf der Flucht“ sondern auch die Situation vor Ort zeigen uns in der Pfadfinderarbeit die Notwendigkeit Geflüchtete in unsere Stämme zu integrieren. Doch das kann uns vor die ein oder andere Herausforderung stellen: Wie kann ich Geflüchteten überhaupt helfen? Was muss ich rechtlich beachten? Wer bezahlt den Beitrag oder gar Fahrten? Wie kann ich die Kinder und Jugendlichen und auch Eltern für das Thema sensibilisieren und Vorurteilen vorgreifen? Wo bekomme ich Unterstützungsmöglichkeiten und an wen kann ich mich bei Fragen wenden? Wir vom DING (Diözesanarbeitskreis Internationale Gerechtigkeit Paderborn) möchten euch mit unserem Leitfaden eine Hilfestellung für die Praxis geben.

Sowohl der Bundesverband, als auch der BDKJ Paderborn haben bereits viel zu diesem Thema aufbereitet, sodass wir immer wieder darauf verlinken werden.

  1. Hilfsmöglichkeiten

Es gibt viele Möglichkeiten, wie ihr erste Begegnungen mit Geflüchteten durchführen könnt. Einen Begegnungsleitfaden der DPSG findet ihr hier.

Wir haben für euch mal ein paar Ideen zu Begegnungen und Aktionen zusammengefügt. Falls ihr selbst noch Ideen oder schon durchgeführte Aktionen habt, dürft ihr uns auch gerne schreiben an ding@post.dpsg-paderborn.de

Spielenachmittag

Vielleicht habt ihr ja Lust, mal mit eurer Leiterrunde, eurer Roverrunde oder auch mal mit den Pfadis einen Spielenachmittag in einer Flüchtlingsunterkunft anzubieten. Sprecht am besten den Betreiber eurer Flüchtlingsunterkunft vor Ort an. Diese Angebote werden meistens sehr gerne angenommen.

Flüchtlinge geben auch gerne mal was zurück und vielleicht erhaltet ihr dann auch mal bei etwas Unterstützung oder lernt neue Spiele für eure Gruppenstunden.

Kulturnachmittag

Wenn zwei Kulturen aufeinandertreffen, kann man viel lernen – Kochen, Basteln, Feiertage, die Möglichkeiten sind vielfältig. Ihr könnt zum Beispiel mit den Wölflingen und Flüchtlingskindern Laternen basteln und gemeinsam zum Martinsumzug gehen. Auch Karneval, Nikolaus, Ostern, Weihnachten bieten sich für den Kontext eines Kulturnachmittags an.

Patenschaften/Freundschaftsprojekt

In manchen Städten gibt es sogenannte Patenschaften oder Freundschaftsprojekte. Vielleicht ein schönes Projekt für eure Pfadis oder Rover. Sie können Kontakt über die Flüchtlingsunterkunft, Caritas oder Sozialberater aufbauen und einen „Freund“ finden, mit dem sie alle ein bis zwei Wochen mal Fahrrad fahren, chillen, die Stadt erkunden, schwimmen oder was euch sonst noch einfällt.

Renovierungshilfe/Umzugshilfe

Ihr habt Bock an einem Wochenende mal richtig anzupacken – eure Caritas oder die Malteser wissen sicherlich wo Hilfe bei Renovierungen gebraucht wird. Am besten ihr fragt einfach mal nach.

Einkaufen

Stellt euch vor, ihr seid in einem fremden Land mit fremder Sprache und fremden Lebensmitteln – da wird Hilfe häufig gerne angenommen. Vielleicht könnt ihr auf eurer wöchentlichen Einkaufstour auch noch jemanden mitnehmen.

Mobilität

In einer fremden Stadt ist es nicht immer leicht wichtige Punkte wie Rathaus, Ärzte, Apotheken, Bahnhof, Marktplatz, Einkaufsmöglichkeiten usw. zu finden. Eine schöne Möglichkeit für eure Gruppenkinder wäre es mal mit den Augen eines Geflüchteten durch die Stadt zu gehen und diese Punkte auf einer Karte zu markieren und wenn erst mal der Kontakt zu Geflüchteten da ist, diese Strecke mal gemeinsam abzugehen.

Beratung

Gerade Rechtsberatung ist ein schwieriges Feld in diesem Bereich. Insbesondere vor Anhörungen zum Asylantrag, bei Ablehnung und Familiennachzug empfiehlt es sich mit der nächsten Flüchtlingsberatungsstelle oder einem Rechtsanwalt oder einer Rechtsanwältin Kontakt aufzunehmen. Die Beratungsstellen bieten meistens kostenlose Beratung an, während bei Rechtsanwälten die Kosten zu klären sind.

Flüchtlings Café

In vielen Gemeinden wird mittlerweile ein Flüchtlings Café angeboten. Ein fester Nachmittag an dem die Gemeindemitglieder und Geflüchtete gemeinsam eingeladen werden im Gemeindezentrum Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Häufig kombiniert mit Suche&Gesucht-Börsen und Austausch von Hilfeangeboten. Wenn es sowas bei euch noch nicht gibt, könnt ihr es ja ins Leben rufen.

Kinderbetreuung/Hausaufgabenhilfe

In manchen Gemeinden wird bereits eine Kinderbetreuung bzw. Hausaufgabenhilfe nach der Schule angeboten. Vielleicht könnt ihr mit Hilfe euer Pfarrgemeinde sowas ins Leben rufen. Und ab und an können eure Gruppenstunden ja vielleicht auch mal dort stattfinden.

Kirchenasyl

Vielleicht bietet eure Kirchengemeinde Geflüchteten das sogenannte Kirchenasyl an. Wenn ja, könnt ihr sicherlich bei eurem Pfarrer erfahren, wie ihr da helfen könnt.

 

  1. Fluchtgründe
  • es gibt ca. 30 Kriege weltweit
  • kein Zugang zu sauberem Wasser
  • Unterdrückung
  • Verfolgung
  • Hungersnot
  • Hoffnung auf ein sicheres Leben
  • fehlende Arbeit
  • Hoffnung auf ein sicheres Leben
  • weitere Gründe

 

  1. Rechtliche Fakten

Das Asylverfahren in Deutschland ist sehr komplex, daher wollen wir euch hier keine Einführung in Asylrecht geben. Wenn ihr euch für das Thema interessiert, findet ihr zahlreiche Infos und auch Schaubilder dazu auf der Homepage des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge.

Krankenversicherung: Wie sind sie krankenversichert?

Grundsätzlich besteht für registrierte Geflüchtete in Deutschland ein Krankenversicherungsschutz. Das kann aber je nach Aufenthaltsstatus anders ausgestaltet sein. An uns wurde die Sorge herangetragen, dass für Geflüchtete kein Krankenversicherungsschutz besteht. Diese Sorge können wir euch nehmen. Kommt es während einer Gruppenstunde oder einer Fahrt zu einer Verletzung, ist ganz normal Erste Hilfe zu leisten und ggf. ein Notruf abzusetzen. Genauso wie sonst auch die Angehörigen zu informieren sind, wird das in diesem Fall natürlich auch gemacht oder die Einrichtung in der der Betroffene lebt ist zu informieren.

Sommerlager mit Geflüchteten

Ob ihr mit Geflüchteten ins Sommerlager fahren könnt, hängt von dem jeweiligen Aufenthaltsstatus ab. Grundsätzlich muss sich der Geflüchtete ausweisen können und eine Bescheinigung von der Ausländerbehörde ist notwendig. Bezüglich Haft- und Unfallversicherung gelten die Versicherungsbedingungen des Versicherungsschutzes in der DPSG.

Antworten auf die Frage ob mit Geflüchteten ins Lager gefahren werden kann, was bei unbegleiteten jugendlichen Geflüchteten beachtet werden muss und welche Unterlagen benötigt werden, findet ihr in den FAQ „Ferienfreizeiten mit Geflüchteten“ des BDKJ Paderborn, den ihr hier findet.

 

 

  1. Mitgliedschaft/Kluft und Kosten für Fahrten

Es gibt die Möglichkeit die Mitgliedschaft, Kluften und auch Fahrten kostenlos für Flüchtlinge anzubieten. Ausführliche Infos hierzu findet ihr unter: http://dpsg.de/de/ueber-uns/mitglied-werden/fluechtlinge-willkommen.html

Alternativ könnt ihr zur Finanzierung von Aktionen und Fahrten auch bei der örtlichen Caritas nachfragen oder einen Antrag auf Fördermittel aus dem Flüchtlingsfond des Erzbistums Paderborn stellen. Infos findet ihr hier.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Genau wie bei allen anderen minderjährigen Mitgliedern wird für die Anmeldung im Stamm oder zu Lagerfahrten die Unterschrift eines Erziehungsberechtigten oder Vormundes benötigt. Bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (kurz umFs) gibt es einen Vormund, der meistens aber schwer zu erreichen ist, da dieser in der Regel bis zu 50 Geflüchtete betreut. In manchen Fällen überträgt der Vormund bestimmte Vollmachten an einen Betreuer. Diese können meistens leicht über den Geflüchteten erreicht werden.

Versicherungsschutz

Geflüchtete sind wie alle anderen Teilnehmer nach den geltenden Bedingungen über NAMI anzumelden (beachte hierzu auch Mitgliedschaft/Kluft und Kosten für Fahrten). In der Regel besteht eine Haft- und Unfallversicherung für alle bei NAMI gemeldeten Mitglieder, nähere Infos könnt ihr hier entnehmen.

 

  1. Aufklärung und Vorbereitung

Um die Kinder auf den „neuen Teilnehmer“ vorzubereiten und für das Thema Flucht zu sensibilisieren empfehlen wir eine gewisse Aufklärung und Vorbereitung.

Wie bei fast allen anderen Themen auch, bietet sich zur Aufklärung und Vorbereitung der Kinder und Jugendlichen in deinem Stamm eine spielerische Herangehensweise an. Im Rahmen der Jahresaktion 2015 wurden hierfür z.B. ein Offline Serious Game und ein Textadventure sowie weitere Methoden entwickelt.

Wir können auch das Online-Spiel „Last Exit Flucht“ für einen Einblick in die Alltagsrealität und die Gefühlswelt von Flüchtlingen empfehlen.

Entscheidend bei allen Spielen ist ganz gleich für welche Stufen eine ausführliche Nachbereitung und auch die Möglichkeit anschließend das im Spiel erlebte zu besprechen und zu verarbeiten. Unsere Erfahrung zeigt, dass hier einige Fragen von den Kindern und Jugendlichen an die Leiter gestellt werden, seid also darauf vorbereitet und habt keine Angst davor, auch mal etwas nicht zu wissen.

 

  1. Mögliche Probleme und Sorgen

Auch wenn wir einen ganzen Leitfaden Rund um das Thema „Integration von Geflüchteten“ verfassen, wollen wir euch dennoch ermutigen, möglichst unkompliziert und ohne Sorgen an das Thema heranzugehen. Sicherlich können Traumata, Sprachbarrieren, die persönlichen Fluchterfahrungen Herausforderungen im Stammesalltag darstellen. Vergesst aber nicht, dass die Kinder und Jugendlichen, die es bis in eure Gruppenstunden geschafft haben auch integriert werden wollen. Geht ruhig offen damit um, wenn ihr unsicher seid, wie ihr euch verhalten sollt. Vieles lässt sich dann einfach klären und häufig ist dann schon das Eis gebrochen.

„Als Pfadfinderin, als Pfadfinder begegne ich allen Menschen mit Respekt.“ Dieses Pfadfindergesetz ist sicherlich auch bei der Integration von Geflüchteten ein guter Leitsatz.

Bei möglichen Sprachbarrieren ist es häufig hilfreich, sich zu erkundigen, welche Sprachen gesprochen werden. Manchmal kommt man mit Englisch weiter, kennt jemanden, der zumindest beim Einstieg dolmetschen kann oder man erfährt, dass eines der Kinder und Jugendlichen ebenfalls die Sprache spricht. Und mit Händen und Füßen lässt sich manchmal mehr klären, als man im ersten Moment denkt.

Manchmal erzählen die Kinder und Jugendlichen von sich aus ihre Fluchtgeschichte, das ist völlig in Ordnung, wenn es ohne Zwang und Drängen passiert. Nehmt euch hierfür als Leiter Zeit, sowohl für das geflüchtete Kind, als auch für die anderen Kinder und Jugendlichen, die bei der Geschichte zugehört haben und ggf. danach Redebedarf haben. Es ist auch völlig in Ordnung, wenn du als Leiter danach Redebedarf hast.

Bei der Spielauswahl kann es auch manchmal zu Problemen kommen, so kann z.B.  das Knallen von platzenden Luftballons an Kriegssituationen erinnern. Auf der anderen Seite kann es passieren dass das geflüchtete Kind oder der Jugendliche sehr brutale Spiele auswählt. Achtet dabei ein wenig auf euer Bauchgefühl und versucht euch in die Situation der Geflüchteten Mitspieler einzufühlen und vergesst dabei nicht die Gefühlswelt all eurer Stufenmitglieder.

Zu Traumata im Fluchtkontext findet ihr eine ausführliche Information auf der Bundesseite unter: http://dpsg.de/trauma-flucht.html

Leitlinien für eine sensible, wertschätzende pädagogische Herangehensweise findet ihr hier.

 

  1. Elternarbeit

Wenn ihr Flüchtlinge in euren Stamm integrieren wollt, ist es wichtig, dass ihr kommuniziert, was ihr vorhabt. Manche Eltern sind sicher gerne bereit zu unterstützen. Es kann natürlich sein, dass es Eltern gibt, die nicht so begeistert davon sind, dass ihr Flüchtlinge in Kontakt mit ihren Kindern bringt. Folgende Argumentationshilfe von Pro Asyl könnt ihr nutzen, um im Gespräch mit ihnen gute Argumente vorzubringen.

Natürlich gibt es aber auch viele Eltern, die euer Engagement zu schätzen wissen und vielleicht auch helfen wollen. Macht daher eure Arbeit transparent und holt euch Unterstützung. Wenn z.B. euer Pfadiheim nicht in der Stadtmitte liegt, ist es für viele Flüchtlinge sicherlich eine große Hilfe, wenn ihr Fahrgemeinschaften bildet, um sie mit zur Gruppenstunde zu nehmen, denn viele von ihnen sind nicht mobil. Auch kleinere Sachspenden, die vielleicht für den Lageralltag gebraucht werden und ihr noch Geschwistern oder euch selbst übrighabt, können eine große Hilfe darstellen. Eltern helfen gerne, man muss sie aber auch erstmal auf Bedürftigkeiten aufmerksam machen.

 

  1. Kontaktaufnahme

Wir können euch leider nicht alle Ansprechpartner vor Ort hier nennen, weil das von Ort zu Ort sehr unterschiedlich sein kann. Auf der Bundesseite der DPSG gibt es einige Links, über die ihr die ihr auch Ansprechpartner vor Ort finden könnt. Oft sind die örtlichen Caritas oder Malteser sehr gut informiert und auch euer Pfarrer müsste euch Auskunft geben können, wen ihr am besten ansprechen könnt.

Wenn ihr euch den Leitfaden gerne ausdrucken möchtet, findet ihr in hier auch nochml im PDF-Format: Leitfaden (1)

AG zusammen.wachsen                       

Mit logo_zusammen-wachsen_claimder AG zusammen.wachsen leisten die katholischen Jugendverbände im Erzbistum Paderborn einen wertvollen Beitrag zur Integration und engagieren sich für junge Geflüchtete. Gemeinsam bereiten die zehn katholischen Jugendverbände und der BDKJ-Diözesanverband in der AG zusammen.wachsen die Inhalte rund um Flucht, Asyl und Integration so auf, dass sie von ehrenamtlichen Jugendverbandlerinnen und Jugendverbandlern genutzt werden können. Hierzu bietet sie Multiplikatoren-Schulungen mit Inhalten zu Zahlen, Daten und Fakten rund um die Themen Flucht und Asyl an.

Weitere Informationen zur AG zusammen.wachsen sowie Material und Hintergrundwissen zur Arbeit mit jungen Geflüchteten findet ihr hier.